Scheitern Foto: Andrea Litzenburger

Das Scheitern ist der Mütter Lust

Abgesehen von „Shred“ ist der derzeit vermutlich schlimmste Volkssport unter Müttern das Gefühl des Scheiterns. Nachdem dieses hässliche „Shred“ allerdings den Anstand besaß, bereits nach 22 Minuten wieder aus meinem kurzatmigen Leben zu verschwinden, kann ich mein eigenes Scheitern nicht so leicht abschütteln.

Warum auch? Schließlich habe ich bereits in der Ausbildung gelernt, dass nichts so heilsam wie ein bohrender Finger in einer Wunde ist. Solange es sich um den eigenen Finger handelt, versteht sich.

Also bitte einen Tusch für meine persönliche Top 7 des mütterlichen Scheiterns:

Genderscheitern
Puppenwagen und Lillyfeebettwäsche? Pfff…uns doch wurscht. Egal, welche Wünsche der männliche Nachwuchs hegt, es wird dem Testosteron sicherlich nicht den Weg in die heranwachsenden Hoden versperren.

5 Jahre später hängt die glatzköpfige Barbie mit Tesakrepp umwickelt kopfüber im Spielturm, die sanfte Klangmeditationen rund um den selbst gebastelten Regenmacher verwandelt sich nach ganzen 30 Sekunden in eine „Furzschleuderkanone“ und mein Sohn begrüßt mich letztens im Kindergarten mit den Worten: „Schau mal. Der Junge hat Mädchenhaare, aber es ist ja total okay wenn Jungs Mädchensachen haben.“

Aufklärungsscheitern
Apropos Testosteron. Mein erstes und bislang einziges Aufklärungsgespräch scheiterte an einem gelangweilten Kleinkind, das nach gerade mal drei Sätzen meinen damals hochschwangeren Bauch aus dem Weg schob und mit den Worten „Ja ja Mama, ich hab schon kapiert. Jungen haben einen Papa und Mädchen eine Mama“ vor mir weglief, während das mittlerweile zweite Kind (2) mit einer nahezu unglaublichen Penetranz seinen Penis (den wir hier genau so nennen) „kleine Pinkel“ nennt.

Anstandvermittlungsscheitern
Apropos Pinkel. Wie viele zerebrale Verknüpfungen im Gehirn von zwei Kleinkindern müssen wohl in einer Einbahnstraße enden, um auf die verfluchte Idee zu kommen, vom Toilettensitz aus in die Badewanne zu pinkeln? In einem fremden Badezimmer. Okay, bei Oma. Trotzdem.

Schnürsenkelscheitern
Apropos zerebrale Einbahnstrasse. Meine Kinder können keine Schleife binden. Das liegt zum einen sicher an der beinahe monopolistischen Kinderschuhklettverschlussindustrie, aber vor allem ist es natürlich das Resultat meines persönlichen Scheiterns.

Seit den frühen 1980er Jahren forme ich nämlich mit zwei lang gestreckten Schnürsenkeln zwei Hasenohren und verknote sie doppelt miteinander. Noch heute kann ich den Kopf meines Mannes auch im 30 km entfernten Büro auf den Schreibtisch fallen hören, wenn ich mir im heimischen Hausflur meine Schuhe mittels meiner drei linken Händen zubinde.

Nadel- und Faden-Scheitern
Apropos drei linke Hände. Schamesröte überzieht mein gesamtes Gesicht, wenn ich auf die liebevoll genähten Breitcordpumphosen und Pippi-Langstrumpf-Kittel anderer Kinder blicke, während ich das Räuber-Hotzenplotz-Kostüm ausschließlich mittels Heißklebepistole und Heftklammertacker „genäht“ habe.

Selig sei Urgroßtante Maria, die zu Lebzeiten für selbstgestrickte Socken an meiner Kinder Füße sorgte, weil ich bereits nach einem 20 minütigen Stricktutorial auf You-Tube am liebsten das gesamte Internet kurz und klein gehauen hätte.

Kreativitätsscheitern
Apropos Kreativität. Jeder Mutter, die mir Bilder von grün gefärbten, in Hulkfaustform modellierten Fondanttorten in meine Timeline postet, möchte ich gerne ein High-Five geben. Mit einem Backblech. Auf ihr Smartphone. Jedes Mal, wenn ich irgendwo ein selbst geschnitztes Gurkenkrokodil sehe, stirbt eine kleine langweilige Scheibe Graubrot in der Pausenbox meiner Kinder.

Ernährungsscheitern
Apropos Ernährung. Alle Kinder hassen Gemüse. Diese Aussage würde mich ungeheuer erleichtern. Leider muss ich immer wieder Artikel lesen in denen mir versichert wird, mit einer entspannten Herangehensweise an das Thema „gesunde Ernährung“ würden alle Kinder dieser Welt ihren Eltern jegliche Arten von Grünzeug hysterisch aus den Händen reißen.

Leider ist das einzige Gemüse, das meine Kinder (trotz sämtlichen Ziehens aller entspannten Register) tolerieren, Tomatenmark und dieses auch nur, wenn es vorab eine industriell verarbeitete Symbiose mit Zucker, Essig und Gewürzextrakt einging. Wenn also bei der nächsten U-Untersuchung meinen Kindern Skorbut diagnostiziert wird, kann dies lediglich auf mein persönliches Scheitern im Umgang mit Vitamin-C-Marketing zurückgeführt werden.

Scheitern – was für ein beschissenes Business (egal was Anselm Grün und meine Mutter behaupten).

Ich kann es in jedem einzelnen Schwangerschaftsstreifen spüren: Die ganze Summe meines mütterlichen Scheiterns wird eines Tages unweigerlich darin enden, dass eines unserer BILLY-Regale seine stabilen Dienste quittiert und ich beim Staubsaugen von einem Haufen Säuglings-, Erziehungs-, Schwangerschafts-, Geburts-, Wochenbett-, Entwicklungs-, Nahrungs-, Motorikfeinförderungs-, Still-, Beikost-, Familienbett-, Fondanttorten- und Kommunionkerzenbastelratgeber erschlagen werde. Todesursache: Gute Ratschläge.

Meine Überreste möge man Gunther von Hagen spenden, damit dieser mich in einer Pose plastiniere, wie ich wahlweise mit der flachen Hand eine Tischkante abschirme oder im Angesicht mir künftig drohender Grundschulhausaufgabenbetreuung verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlage.

Am Ende dieses Beitrags drehe ich mich übrigens zu meinem Mann um und frage ihn interessiert, an welchem Punkt im familiären Alltag eigentlich Väter versagen. Er hält einen Moment inne und antwortet mir dann: „Besoffen seine Familie verprügeln.“

Warum hat der eigentlich keinen Blog?

 

Für Urgroßtante Maria, von der ich soeben nach einem Telefonat mit meiner Schwiegermutter erfahren habe, dass sie überhaupt nicht tot ist. Aber warum zur Hölle hat sie dann aufgehört Socken zu stricken?


Dieser Beitrag wurde im Rahmen einer Blogparade verfasst, zu der die liebe Anne-Lu von „Große Köpfe“ aufgerufen hat. Ich bedanke mich sehr herzlich für die Einladung, auch wenn es mir mehr geschmeichelt hätte, wenn sie beim Thema #ArschcooleSuperfrauen statt #GeschichtenvomScheitern“ an mich gedacht hätte.

 

86 Gedanken zu “Das Scheitern ist der Mütter Lust

  1. Vielen Dank dafür! Das war herzerfrischend! Endlich brauche ich nicht mehr zu glauben, dass meine Kinder die einzigen sind, deren Brotdoseninhalt von Instagram gelöscht würde ob der Langeweile! Ich habe sehr gelacht und komisch, aber mein Scheitern fühlt sich gerade ganz gut an😉

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