Bleibt alles anders. Bildet Banden. Foto: Andrea Litzenburger

Der Tag, an dem ich vom spaßigen Schwimmbecken an den keifigen Beckenrand wechselte

Oder: Hätte, hätte, Fahrradkette.

Ich bin im Schwimmbad und sitze mit den Kindern am etwas streng riechenden Kleinkindbecken. Also ich sitze nicht wirklich, sondern führe, wie alle Eltern mit Kleinkindern, dieses typische „Sitz-Stand-Hocke-Sitz-Stand-Hocke“ Tänzchen mit dem 1 1/2 jährigen an meiner Seite auf.

Außerdem bin ich entsetzlich prusselisemäßig drauf, weil ich von sämtlichen Schwimmbadbesuchern im Alter zwischen 12 und 17 Jahren genervt bin. Dieses Geschubse, Gekreische und Gebalze zerrt kolossal an meinen Nerven.


Bei der nächsten Rempelei am Babybecken greife ich mir einen der Jungen mit den fiesen Frisuren und höre mich selber irgendwas von „kleine Kinder….aufpassen…rücksichtslos “ zetern. Daraufhin nennt er mich eine „alte Arschlocher“ und rennt weg. (Er rennt tatsächlich sehr schnell weg und ich frage mich, ob er allen ernstes Angst hat, dass ich ihm hinter renne. Was für eine ulkige Vorstellung.)

Jedenfalls wird mir da am Beckenrand plötzlich etwas klar: Ich bin wirklich und warhaftig und unwiderruflich erwachsen. Daran können auch meine Chucks und Hummelhoodies nichts mehr ändern, denn ich habe soeben einem 13-jährigen mit dem Bademeister gedroht.

Habe ich wirklich vergessen, wie es mit 13 in einem Freibad war? Arsch(locher)bomben vom Startblock, Walkman, Denise-Hefte? Die beklemmende Antwort lautet: Ja. Irgendwie schon. Aber wann bin ich so kopfalt geworden?

Für mein Empfinden ist es doch noch gar nicht so lange her, dass ich meinen ersten Rausch hatte (1991), meinen ersten Kuss bekam (1992), den Führerschein gemacht (1996), oder auf einem Beastie Boys Konzert war (2002).

Ich höre morgens beim Brötchen holen im Auto immer noch gerne Operation Ivy, aber ich kann es kaum glauben, dass Jugendliche das heute ungefähr genau so cool finden, wie ich damals Mütter gefunden hätte, die morgens beim Brötchen holen im Auto die Beach Boys gehört hätten.

Als Kurt Cobain sich eine Schrotflinte in den Kopf gesteckt hat, hab ich mir schon ein paar Jahre lang Zigaretten gedreht und heute ist das für Jugendliche genauso ein schwarz-weiß-Fotovisionär wie für mich damals dieser Zausel von den Doors.

Jetzt muss ich leider zum nächsten Sandkasten und meinen Kopf da ganz tief reinstecken, weil ich diese Erkenntnis schwer aushalten kann. Ich fühl mich zum ersten Mal genauso doof, wie ich früher Leute wie mich gefunden hätte.

Am besten bestelle ich mir jetzt gleich ein Palituch und ein Paar 12-Loch-Doc Martens. Oder noch besser, ich packe meinen Schlafsack und eine Dose Ravioli in einen Bundeswehrrucksack und bin dann mal übers Wochenende auf irgendeinem „Umsonst und Draußen“.

Oder aber noch besser noch……..ich höre sofort mit dieser peinlichen Wechseljahrhysterie auf. Schluss damit!

Pulp Fiction ist also mittlerweile ein 20 Jahre alter „Kultfilm“, auch wenn ich damals bei der Premiere im Kino gesessen habe. So what?

Der schöne Zach de la Rocha von Rage Against the Machine sieht mittlerweile auch eher aus wie eine dicke, alte Tante von Max Herre. Samy de Luxe sitzt nicht mehr „irgendwo ganz allein und zieht sich sein Ganja rein“, sondern ist Anzug tragender Botschafter der Hepatitis-Ambulanz e.V. Hamburg und Fußballer rauchen in der Halbzeitpause heute auch keine Kippen mehr (falls sich noch wer an Mario Basler erinnert), sondern werden heiß geduscht und physiotherapiert.

Es fühlt sich einfach nicht mehr wie 13, 15 oder 17 an. Also sollte ich eventuell auch anfangen, nicht mehr so tun, als wäre alles noch wie 13, 15, oder 17.

Vielleicht hat es auch mit meiner Veränderung durch die Kinder zu tun. Momentan kann ich mich einfach besser daran erinnern, wie es als Kindergartennichtschwimmer war, wenn man einen Ellenbogencheck von einer Horde rumtobender 13-Jähriger kassiert hat.

Deshalb, genau aus diesem Grund, scheiße ich Jugendliche im Schwimmbad zusammen. Nicht weil ich vergessen habe wie es ist, wenn man 13 ist, sondern weil ich momentan einfach besser weiß, wie es sich anfühlt, wenn man 4 ist.

Ich habe derzeit weder Grund, noch die nötige Motivation, mich jetzt schon wieder an das pubertierende Kind in mir zu erinnern, weil es momentan einfach noch nicht gebraucht wird. Aber ich hoffe darauf, dass ich dieses schmerzliche „Fuck you I won`t do what `ya tell me“ Gefühl meines 15-jährigen Ichs wieder finde, wenn bei uns in 10 Jahren die Polizei klingelt, weil meine Söhne…keine Ahnung….vielleicht ihren illegalen grünen Daumen entdeckt, oder etwas rechtswidriges mit diesem Internet angestellt haben.

Ich ziehe also meinen Kopf aus dem Sandkasten und schließe meinen Frieden mit der „alte Arschlocher“ am Beckenrand. Es ist okay, dass ich jetzt ein bisschen doof geworden bin. Ich bin es ja für meine Kinder geworden.

Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht unnötig döfer werde und habe schlauerweise vorgesorgt und vorab ein paar wichtige Eckpfeiler meiner Jugend in mein heutiges Leben integriert.

Meinen „Bildet Banden“ Aufnäher, Mario Kart, Hoodies, Chucks, Red Hot Chili Peppers und natürlich das Beste von allen: Den Bassisten einer albernen, kleinen Hardcorecombo, der heute der Vater meiner Kinder ist.

PS.: Und ich werde jetzt sofort aufhören darüber nachzudenken, ob so ein Arschlocher wohl zur Standardausrüstung eines Proktologen gehört.

21 Gedanken zu “Der Tag, an dem ich vom spaßigen Schwimmbecken an den keifigen Beckenrand wechselte

  1. „Deshalb, genau aus diesem Grund, scheiße ich Jugendliche im Schwimmbad zusammen. Nicht weil ich vergessen habe wie es ist, wenn man 13 ist, sondern weil ich momentan einfach besser weiß, wie es sich anfühlt, wenn man 4 ist.“
    So ein schöner, wahrer Satz. Dafür könnte ich dich küssen.🙂

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  2. Diese Wellenlänge scheint mir genau die meine zu sein. Ich hab herrlich gelacht und mich sofort wieder erkannt. Ja, auch ich wurde schon als „Arschlochen“ (vielleeeeicht gibt´s das Wort ja wirklich?!) beschimpft. Der Zusammenhang hat sich aus meiner Erinnerung verzogen… ich weiß nur noch, dass ich mich mit dem Vater meiner Kinder (nebenberuflicher Schlagzeuger) herrlich amüsiert habe… wohl um mit der Verwirrung besser klar zu kommen (so im nachhinein betrachtet).

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  3. ich küsse für den gleichen Satz.🙂
    Ja wenn mein Spießer verhalten Empatie für das Lebensalter meiner Kinder ausdrückt, will ich unbedingt gerne Spießer sein.
    Außerdem schließe ich mich der Hoffnung an mich immer in das Richtige alter zurückerinnern zu können…aber bis zur Pubertät sind es ja zum Glück noch ein paar Jahre.😉

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  4. Wunderbar … tja, machmal kann man einfach nicht glauben, dass man die Seite gewechselt hat. Und das sage ich aus jahrelanger Erfahrung, denn da wo ich herkomme, war „Dolomiti“ noch nicht retro und Privatfernsehen noch nicht erfunden. Na egal … genießen wir einfach diese „Hoppla, bin das wirklich ich?“ – Momente!
    herzlichst soulsister

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  5. was für ein wunderbarer Text, meine Entdeckung des Monats, vielen Dank fürs Aufschreiben! Ich bin zwar noch ein kleines bisschen jünger (habe meine Zigaretten noch nicht selbst gedreht als Kurt Cobain….) aber ich musste neulich feststellen, dass auch ich schon die Seiten gewechselt habe. Aber irgendwann, wenn wir dann als Rentnerinnen einen Tagesausflug ins Schwimmbad machen, sind uns beide herzlich egal: die balzenden Halbstarken und die ganz Kleinen im Kinderbecken. Und wenn uns alte Damen mit Badekappe jemand anraunzt weil wir so langsam schwimmen, haben wir das kurze Zeit später eh schon wieder vergessen ^^ Liebe Grüße

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  6. HAHAHAHAHAHAHAHAHAHA… ich bin zu hysterisch um hier was sinnvolleres zu hinterlassen! Aber es wurde ja auch schon alles gesagt. … einfach nur großartig!!!! Habe deinen Blog heute entdeckt und meinen halben Arbeitstag damit verbracht ihn komplett durchzulesen. Es lebe die Prokrastination! Wann gehts weiter??? Mir ist heut nicht mehr nach arbeiten!

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  7. Oh man. ..Denise-Hefte!!! Wie lange hab ich da nicht dran gedacht!…alles wie bei mir, erster Urlaub ganz ohne Eltern und Jugendgruppe nach Ibiza?!
    Herrlich Dein Blog, lese ich am Liebsten beim Stillen..

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  8. Haha, das Gefühl kenne ich.
    Mir erging es so, als ich zum ersten Mal ausgerastet bin, weil um 20:15 noch Lärm vom Spielplatz kam und ich meinen kleinen Sohn schlafenlegen wollte.
    Das ist mittlerweile 12 Jahre her. (verdammt, jetzt fühl ich mich NOCH älter!)
    Zur Zeit schwanke ich zwischen Verständnis für meine Kleinchens und (manchmal teilweise absolutem Un)verständnis für meine präbuertären Kinder….

    Dein Eintrag ist toll!

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      1. Haha, meine Mutter sagte zu mir, als ich im Alter meines Sohnes war: „Schatzerl, ich wünsch dir wirklich nichts Böses im Leben, nur ein Kind, das so ist wie du!“
        (Tja, ich hab jetzt 4 Kinder und zittere immer noch ob der Eigenschaften, die sich bei ihnen noch auftun könnten…)

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