Fisimatanten von Andrea Harmonika

Fisimatanten

Ich stehe an der Kasse und öffne mein Portemonnaie. Da fällt mein Blick auf eine leicht verknickte Fotoecke. Sie lugt zwischen meinem Führerschein und dem Organspendeausweis hervor und ich kann nur vermuten, dass der Kleine mal wieder mein Portemonnaie ausgeräumt und den Inhalt anschließend kreuz und quer auf alle Fächer verteilt hat.

Ich ziehe das Foto heraus und werfe einen kurzen Blick darauf. Es zeigt mich und meinen jüngsten Neffen an seinem zweiten Geburtstag. Ich trage zwei lila Partyhüte, die mir links und rechts wie ein Paar Hörner vom Kopf abstehen. Und während ich mit gespielter Empörung in die Kamera starre, popelt das Geburtstagskind mit sichtlichem Vergnügen in meiner Nase. „Das waren noch Zeiten“, denke ich. „Damals, als du und ich noch jung waren, und ich deine Fisimatante …“

***

Wenn Sie im Duden unter dem Wort Fisimatante nachschlagen, finden Sie nichts. Oder besser: noch nichts. Denn wenn sich dieser Schinken hier* wie geschnitten Brot verkauft, könnte die Wortverwurstung vom umgangssprachlichen Fisimatenten (ein Ausdruck, der sowohl im Duden als auch umgangssprachlich für Faxen oder Blödsinn steht) ja vielleicht irgendwann auftauchen.

Bis dahin müssen Sie mir einfach glauben, dass es sich bei Fisimatanten um Tanten handelt, die, wie der Wortstamm bereits erahnen lässt, ein wahrer Segen für Kinder sind.

Das Besondere an Fisimatanten ist nämlich, dass sie selbst keine eigenen Kinder haben. Somit ist das einzige Kind, mit dem das designierte Patenkind konkurrieren muss, lediglich jenes, welches sich die Fisimatante in ihrem Innersten bewahrt hat.

Des Weiteren dreht sich der typische Arbeits- und Freizeitalltag von Fisimatanten meist ausschließlich um Erwachsene. Das ist auch der Grund, weshalb sie sich auf Besuchen oder Familienfeiern zur Abwechslung gerne (und oft als Einzige) in die exotische Obhut eines Kinderzimmers begeben.

Dort hocken sie dann stundenlang mit ihrem Becher Kaffee auf dem Teppich und angeln Magnetfische oder bauen völlig tiefenentspannt einen Playmobilzirkus zusammen, während die vergnügten Kinder hinter, vor und neben ihnen auf und ab springen.

Da wundert es also nicht, dass eine Fisimatante ihren Besuch meistens nur ankündigen muss, damit die Kinder schon am Rad drehen. Denn im Gegensatz zu deren immer müden und oft genervten Eltern scheinen die Energie- und Spaßreserven von Fisimatanten unerschöpflich.

Niemand spielt Monopoly ausdauernder, friemelt Bügelperlenponys schöner oder spielt Brennball-Trampolin härter als dieses menschgewordene Mary-Poppins-Konzentrat.

Und wenn sie nicht gerade kindlichen Spielanweisungen lauschen („Jetzt rettet dein Polizist erst den Babyhund und fährt dann mit dem Heuwender ins Gefängnis. Dann trinken alle Cola und fallen tot um. Harharhar!“), dann hören sie sich aufmerksam die Kindersorgen an („Und dann hat der Jonas aus der Igelgruppe mir einfach mein Bild kaputtgeschnitten!“) und verteilen anschließend gute Ratschläge („Dann musst Du den Jonas aus der Igelgruppe vielleicht einfach mal von der Schaukel schubsen.“).

Woher ich das alles weiß?
Haben Sie die Einleitung nicht gelesen?

Weil ich auch mal eine Fisimatante war! Eine, die auf Familienfeiern mit ihrem Becher Kaffee und Geduldsfäden aus Stahlwolle auf dem Bauteppich saß. Die ihre Leihkinder auf Ausflügen mit Pommes, Sprite und Zuckerwatte abfüllte und ihnen im Schwimmbad jeden Kaugummiautomatenwunsch von den Augen ablas.

Aus dem Urlaub verschickte ich Postkarten mit selbstgemalten Erlebniscomics und zum Geburtstag die tollsten (und pädagogisch meistens eher günstigsten) Geschenke. Und als eines meiner Patenkinder eine gelbe Kaubonbonphase hatte, habe ich wochenlang etliche Kilos der restlichen Farben verzehrt, nur um dem Kind am Ende des Jahres ein reines Kilo gelbes Bauchfett unter den Weihnachtsbaum legen zu können.

Quatsch, gelbe Maoams natürlich. (Das Bauchfett lag auf der Couch und spielte mit dem anderen Patenkind Star Wars Quartett.)

Und was ist aus mir geworden?
Aus der fisimatentigen Mustertante?

Na, was wohl: eine Muttertante. Denn kaum hatte ich eigene Kinder, fiel das ganze schöne Fisimatantentum von mir ab. Wenn ich jetzt zu Besuch kam, hatte ich nämlich bereits ein Kind auf dem Schoß sitzen. Und zwar ein eigenes. Eines, dem ich nun meine ganze Aufmerksamkeit schenkte.

Deshalb war ich plötzlich auch zu müde für Playmobilzirkus, zu faul für Postkartencomics und definitiv zu undicht für Brennball auf dem Trampolin. Und wenn jetzt eines der Kinder mit einem Fußball neben dem Esstisch auftauchte, sagte ich plötzlich nicht mehr: „Ich trink nur noch schnell meinen Kaffee aus!“, sondern ich sagte das, was alle Leute sagen, die selber Kinder und keine Lust haben: „Vielleicht später.“

Je mehr ich im Alltag mit kurzen Nächten und Zahnungsdurchfällen beschäftigt war, desto stärker fielen meine Fisimatantenwerte. Und mit Geburt des zweiten Kindes war mein Mary-Poppins-Konzentrat schließlich so stark verdünnt, dass man es als homöopathisches Arzneimittel hätte zulassen können.

Dabei fehlte es mir!
Das Fisimatantentum.

Einfach irgendwo als mobiles Spaßkommando einzurücken und einen Scheiß auf gewaschene Hände vor dem Essen oder Kinder, die nach 17 Uhr im Auto einschlafen, zu geben. Das Schöne am Fisimatantentum ist nämlich, dass man lediglich die Party schmeißt.
Kotze aufwischen und am nächsten Morgen Leergut einsammeln und die Nachbarn beruhigen ist Aufgabe der Eltern. Oder um es mit den Worten von Lothar Matthäus zu sagen: Sis are different exercises. Not only bumm!

Aber gut.
So ist das eben.

Klar war es schade, dass ich als Mutter plötzlich nicht mehr eine so hochmotivierte Tante war. Dass ich auf Familienfeiern nicht mehr ohne mit der Wimper zu zucken von der Kaffeetafel aufsprang, um den Rest des Tages in einem Kinderzimmer zu sitzen.

Aber zu meiner Verteidigung: ich tat ja praktisch kaum etwas anderes als auf dem Fußboden eines Kinderzimmers zu sitzen, um mit Dinosauriern durch ein Kuscheltierkrankenhaus zu galoppieren. Meine exotische Auszeit bestand jetzt quasi darin, mit anderen Erwachsenen am Tisch zu sitzen und mich zu unterhalten.

Aber war es nicht ebenfalls Lothar Matthäus, der gesagt hat „I look not back. I look in front“?

Denn abgesehen davon, dass der Franz und ich über Nacht vom Spaßkommando zur öden Elterntruppe mutierten, gab es noch einen weiteren, völlig neuen Aspekt am Fisimapatentum. Und der machte uns das Leben allerdings erstaunlich leicht. 

Nachdem wir nämlich selbst Eltern wurden, durften wir plötzlich am eigenen Leib erfahren, was es heißt, selber Nutznießer einer Fisimatante zu sein. Denn im Gegensatz zu mir hat der Franz noch zwei kleine Schwestern.

Und spätestens, seit die zwei das erste Mal mit unseren Kindern auf allen Vieren auf der Suche nach Ostereiern durch die Buchsbaumhecken in Omas Garten gekrochen sind, war klar, dass der Bausparvertrag nicht das Wertvollste war, was er damals mit in die Ehe gebracht hatte.

Und es kommt noch besser. Seit geraumer Zeit gibt es sogar einen Fisimaonkel. Und dieser Fisimaonkel ist nicht nur ein netter Typ, sondern obendrein auch ein erfahrener Gruppenleiter von Kinder- und Jugendfreizeiten. (Ich weiß was Sie jetzt denken – und Sie haben Recht: Dingdingding. Fisimajackpot!)

Bleiben also nur noch die eigenen Patenkinder. Denn wenn die eigenen aus dem Säuglings- und Kleinkindalter raus sind, könnten Sie ja eigentlich mit ihnen wieder an alte Zeiten anknüpfen. Doch so einfach ist es meistens nicht.

In unserem Fall zum Beispiel sind die Patenkinder in der Zwischenzeit leider auch nicht jünger geworden. Tatsächlich sind sie unterdessen unfassbare 23 und 16 Jahre alt geworden. Und in dem Alter haben die meisten anscheinend keine große Lust mehr, mit ihrer ehemaligen Fisimatante in einer Wolldeckenhöhle unter dem Schreibtisch zu sitzen.

Ja, selbst unser Paten-Nesthäkchen auf dem Foto aus meinem Portemonnaie geht mittlerweile stramm auf die 12 zu und hat auf Familienfeiern eigentlich nur noch eine Bitte an mich: das W-Lan Passwort.

Die gute Nachricht lautet allerdings: Auf Nachfrage zu diesem Kapitel haben mir alle drei Kinder versichert, dass sie meine Transformation von der Supertante zur Muttertante überhaupt nicht so dramatisch fanden, wie ich selbst.

Na toll!

Anscheinend fanden sie mich also nicht mal halb so cool, wie ich mich damals selbst, wenn ich ihnen früher hinter dem Rücken ihrer Eltern Cola eingeschenkt, oder Pulver zum Anrühren von zwei Liter Leuchtschleim besorgt habe.

Tja, das bedeutet dann vermutlich auch, dass ihnen nie aufgefallen ist, dass alle nach September 2009 von mir verschickten Geburtstagspäckchen nicht mehr in handbemaltem Packpapier, sondern in einem kreuz und quer mit braunem Klebeband umwickeltem Kinderschuhkarton verschickt wurden.

Doch bevor ich jetzt in meinem eigenen Mitleid ersaufe, muss ich noch Folgendes erzählen: Vor ein paar Wochen hat mir mein Neffe per WhatsApp ein paar Fotos geschickt. Es waren lauter unterschiedliche Oberhemden, und er hat mich gefragt, welches er am Abend bei der Schulabschlussfeier anziehen soll.

Diese Nachricht nahm ich mir sehr zu Herzen. Denn auch wenn meine Antwort: „Das Blaue. Ey und bügel das vorher!“ lautete, war die tröstliche Bilanz, die ich im Stillen zog, eine andere:

Eine Beziehung, die wir irgendwann zu den uns geschenkten Kindern aufgebaut haben, muss also nicht automatisch abreißen. Nur, weil man streckenweise zu wenig Kraft oder Zeit hatte, um sie auf Händen zu tragen.

Für Kyra, Levin und Corbi.
Das Beste, was einer Fisimatante passieren kann.

May I have your attention please!

Dieser Text stammt aus meinem Buch „Jedem Anfang wohnt ein verdammer Zauber inne: Vom Sinn und Unsinn mit Kindern“, das es nun in einer spitzenmäßig überarbeiteten Neuauflage gibt:

Spitzenmäßig überarbeitete Neuauflage
mit Illustrationen von Katharina Madesta

Zum Beispiel im lokalen Buchhandel.
Oder beim Verlag.
Oder bei Du-weißt-schon-wo.

Und hier noch ein paar (Presse-)Stimmen

„Es gibt viele Bücher übers Elternsein, aber dieses ist ein besonders gutes.“
Westfälische Nachrichten

„weise und witzig“
BRIGITTE

„Klug, offen, lustig, warm und sehr selbstironisch.“
Brigitte MOM

„Schreiend-komisch und treffend-ehrlich.“
Hamburger Morgenpost

„Lustig, lakonisch und mit ganz viel Liebe geschrieben.“
ELTERN family

„Verheiratete, heterosexuelle Frauen wünschen sich ein Kind von ihr.“
Christian Hanne, Familientweets-Ikone und Autor von „Hilfe, ich werde Papa!: Überlebenstipps für werdende Väter

„Bei ihren Texten hat man oft Tränen in den Augen – meistens vor Lachen, manchmal vor Rührung, aber jedes Mal treffen sie mitten ins Herz.“
Danielle Graf, Spiegel-Bestsellerautorin von „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn.“

„Sie ist witzig, warmherzig, klug und schafft es, dem überstrapazierten Modewort authentisch seine einstmals positive Bedeutung zurückzugeben.“
Mara Pfeiffer, Autorin und Journalistin

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