Nieselpriem

Haben Sie schon einmal von der Mona Lisa gehört? Nu glor haben Sie das. Immerhin hängt Madame Lisa gemeinsam mit zahlreichen anderen Kunstschätzen im Pariser Louvre. Einem Ort, an dem täglich Tausende von Menschen auf der Suche nach Zerstreuung oder Inspiration ihre Freizeit totschlagen. Den meisten Besuchern genügt ja ein kurzer Blick auf das berühmte Lächeln, um sich auch schon vom Strom der Masse zur nächsten Attraktion weiter tragen zu lassen.

Dabei würde es sich wirklich lohnen, einen Moment Platz zu nehmen und dem gesamten Bild seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Oder hätten sie gewusst, dass die Mona Lisa keine Augenbrauen hat? Dass sie auf einem Balkon hoch über der dramatischen Felsformation einer unbekannten Landschaft thront, und dass ihre linke Gesichtshälfte die Anzeichen einer idiopathischen Fazialisparese aufweist?

Nein, so etwas bemerkt man nur, wenn man sich Zeit nimmt. So wie beim Lesen der Texte von Henrike, die seit 2014 unter dem drolligen Namen Nieselpriem (einem sächsischen Schimpfwort für einen nicht sehr unterhaltsamen Menschen) höchst unterhaltsame Geschichten aus ihrem Leben veröffentlicht.

Genau wie bei der Mona Lisa sticht einem bei Nieselpriems Texten vor allem das süffisante Lächeln ins Auge.

So zum Beispiel bei der Beschreibung ihrer Kinder:

Aus der eigenen Zucht, jeweils einen halben Meter groß und unschuldig dreinblickend zogen sie 2000 und 2013 bei uns ein und erweckten den irrsinnigen Anschein, einfach nur niedlich und schmusig und pflegeleicht zu sein. Pah!“

oder der des halbwegs erwachsenen Mannes an ihrer Seite:

„Ich habe seit letzter Woche einen Praktikanten und der generiert sehr viel Arbeit und bindet alle freistehenden Ressourcen meinerseits. Der Beste hat nämlich Erziehungsurlaub und wir müssen da jetzt durch.“

Es scheint als lache Nieselpriem in jeder ihrer Textzeilen das Leben nicht nur an, sondern vor allem aus.

Ich bin neunzehnhundertsiebzig geboren. Im Tal der Ahnungslosen. Aufgewachsen ohne Westfernsehen, RIAS und Bananen. Es gab tatsächlich nur Äpfel und faserige, saftlose Orangen aus Kuba. (…) Gurken und Tomaten gab es nur im Mai! Und Birnen im August. Ende der Durchsage.“

Schauen wir aber genauer hin (wie beispielsweise der Fotograf Pascal Cotte, der die Mona Lisa 2004 mithilfe von Infrarotlicht geblitzdingst hat, und daraufhin die Überreste der verschollenen Augenbrauen entdeckte), stoßen wir unter dem Firnis aus Nieselpriemscher Gute Laune auf einmal auf Zeilen wie diese:

„Ich war das erste Mal zur Vernehmung kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag. Wegen Verdachts auf „Herabwürdigung des Staates“. Morgens gegen drei Uhr wurde ich mit Handschellen aus meinem Kinderzimmer geholt. Ich durfte weder Zähne putzen noch einen Schlüpfer anziehen. Auf dem späteren Foto auf der Polizeiwache stand ich da mit Nachthemd, Stiefeln, Jacke und zerzausten Haaren. Abends haben sie mich zurückgebracht, zur Primetime, als alle Nachbarn meiner Eltern aus dem Fenster guckten… Die zweite Verhaftung erfolgte wegen versuchter Republikflucht über die Slowakei. Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hatte und ob wir uns bis nach Jugoslawien durchschlagen wollten und ob ich denn nicht mal an meine arme Mutter gedacht hatte?! Jedenfalls war in Tschechien Schluss. Sack übern Kopp und raus aus dem Zug.“

Da tritt sie plötzlich aus dem Hintergrund hervor, diese dramatische Felsformation einer Landschaft, die es so heute nicht mehr gibt.

„Geh ruhig Kind. Schreib mir. Pass auf dich auf. Sie packt eine kleine Tasche, viel braucht sie nicht. Da, wo sie hin will, ist alles viel schöner.“

Und wo wir bis eben noch über den 2 Jahre alten Blondino gelacht haben, weil er:

„…heute Morgen mal wieder auf den Wohnzimmerteppich gekackt (hat). Nein, hingeschissen hat er. Und zwar fulminant! (…) Ich kenne die Crux schon vom Großkind. Damals, kurz vorm dritten Geburtstag, schimpften die alten DDR-Erzieher, so ein Ferkel käme nicht zu den Kindergartenkindern! Und ich mühte mich. Public pissing, bunte Kinderklobrillen, allein es brachte gar nichts!“,

lesen wir ein paar Klicks weiter, dass es an mehr als nur ein Wunder grenzt, dass es das kleine „Meckt-niss!-Iss ess-das-niss!-Iss-ess-Logurt“-Kind heute überhaupt gibt:

„Wie oft lag ich nachts wach, feilschte mit dem Schicksal und der Vorsehung, die Hände auf meinen Unterleib gepresst. Ich zündete in jeder Kirche eine Kerze an, hoffte. Und wartete. Vergebens. (…) Und dann kamst du. Einfach so. Und hingst wie Chuck Norris an der Eiger-Nordwand meiner zerklüfteten Gebärmutter und keiner weiß, wie du da hinkamst. Wir wollen verhalten optimistisch sein, sagte meine Ärztin und schien jeden Monat aufs Neue überrascht, dass du noch da warst. Mein Kämpferkind! Du warst gekommen um zu bleiben. Ein Wunder! Ein zweites.“

Ja es lohnt sich, einen Moment lang Platz zu nehmen und dem Gesamtbild seine Aufmerksamkeit zu schenken, anstatt nur an einem der offensichtlichen Highlights vorbei zu rauschen.

Auch wenn wir am Ende vielleicht nur mutmaßen können, ob dem präzisen Anatom und Künstler da Vinci das berühmte Lächeln der Mona Lisa durch die exakte Darstellung einer Gesichtsmuskel-Kontraktur gelang, oder wieviele Flaschen Rotwein Frau Nieselpriem geleert hat, bevor sie folgenden Satz verfasste:

„Meine Cousine hatte sogar eine Cousine in Berlin. Ihr Vater und meine Mutter sind Geschwister und ihre Mutter kam aus Berlin, hatte eine Schwester dort und diese eine Tochter, die dann aufgrund der soeben beschriebenen Umstände zur Berliner Cousine meiner Dresdner Cousine wurde.“

In jedem Fall, liebe Rike, wünsche ich mir von Herzen, dass eines Tages jemand kommt und den Geschichten vor und hinter deinem Lächeln einen würdigen Rahmen beschert.

Aber nicht hinter Panzerglas,
sondern zwischen zwei Buchdeckeln.

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19 Gedanken zu “Nieselpriem

    1. Ani, wie bleede! Wobei ich finde, dass sie furchtbar übertreibt. Aber das ist das Größte: Dass diese großartigste Person mich so mag! ❤
      Danke Dir für die lieben Worte und Deine Liebe, da freut sie sich auch ganz doll drüber 🙂

      Gefällt 1 Person

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