Arschbombe

Im Schulsport war ich immer eine Gurke. So wie meine Mutter. Die hat daraus auch nie einen Hehl gemacht. Mein Vater, der selbst mit einem 2/3 Lungenflügel und Chemotherapie noch Rennrad gefahren ist, haute allerdings bei jedem „Schulsport: ausreichend“ auf dem Zeugnis mit dem Kopf auf die Tischplatte: „Das hast Du nicht von mir. Das hast Du nicht von mir.“

Dabei hatte ich nicht einmal ein gesellschaftlich anerkanntes Sportgurkendefizit wie Übergewicht oder ein zugeklebtes Brillenglas. Ich war einfach ein ganz durchschnittliches, wenn auch auffallend unsportliches Mädchen.

Daran muss ich denken, als ich vor zwei Wochen mit unserem kurzen Kind auf dem Arm am Beckenrand (wo ich zur Abwechslung mal keine Jugendlichen zusammenscheiße) im Schwimmbad stehe.

Mein Mann, damals wie heute ein Sportfeststreber allererster Klasse, steht neben mir und kann froh sein, dass ich ihn trotz seiner ganzen Angeberehrenurkunden im Schrank geheiratet habe.

Gemeinsam warten wir auf das große Kind, das im Übungsbecken Woche für Woche seinem heiß ersehnten Seepferdchen entgegenstrampelt.

Ich schaue der Schwimmlehrerin zu, die mit einer Horde anderer Schwimmlehrer eine Horde Vorschulkinder durchs Wasser scheucht. Ich finde sie ein bisschen rabiat, weil sie im Gegensatz zu mir und meinem perfekt sitzenden Jesper-Juul-Badeanzug keine Sätze wie „Ich finde es schön, dass Du den Armkreisfrosch magst“ von sich gibt.

Ich muss an meine eigenen SportlehrerInnen denken. Dieses sonnenbankgebräunte Trainingsanzugträgerpack, das mir mit Trillerpfeife um den luftgetrockneten Hals und vom Raucherhusten begleitet entgegen schrie: „HÖR AUF ZU HEULEN, HECKER!“ 

Ich habe es in meinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal über den Bock beim Geräteturnen geschafft, sondern thronte nach dem Sprung immer breitbeinig und gedemütigt auf dem verfluchten Holzkasten. „SCHWING DEINEN HINTERN DARÜBBBA, HECKER!“

Wie ein nasser Mehlsack hing ich an den Ringen und war tatsächlich nie in der Lage, mich auch nur eine Zahnstocherlänge an den Scheißdingern hängend hochzuziehen. „HOCH! HOCH! HOCH, HECKER!“

Soeben höre ich die Schwimmlehrerin meinen Sohn anbrüllen: „Schwimmen ist nicht Planschen! Schwimmen ist Sport!“ und nachdem er sofort damit aufgehört hat, dem Mädchen neben sich (das er „sooo dooof“ findet) die mit Schwimmbadwasser gefüllten Backen ins Gesicht zu strahlspucken, ruft sie ihm zu:

„Also los! Kopf hoch! Beine zusammen, Arme auseinander!“

Er schwimmt eine Bahn. Sie schaut zu mir hinüber und schreit: „Der macht das super. Der hat überhaupt keine Angst.“ Und dann brüllt sie das nächste Kind an. Ja, sie brüllt. Laut, aber nicht unfreundlich. Schließlich muss sie sich in dem Becken voller Trainer und Kinder Gehör verschaffen.

Der Junge, der nach meinem Sohn schwimmen soll, ist eine Sportgurke. Für so was hab ich ein Auge. Er traut sich nicht mit dem Kopf unter Wasser, und überhaupt klammert er sich am Beckenrand fest, während der kleine Angeber vor ihm eine Schneise durch das Wasser pflügt, als ob er im Leben noch nie etwas anderes getan hätte.

Während ich den Jungen beobachte fällt mir ein, dass ich in der 7. Klasse mal während der Bundesjugendspiele nach Hause gegangen bin. Ich war auf dem Weg zum 1000-Meter-Lauf und ging stattdessen einfach (ohne mich abzumelden) nach Hause. Ich habe den ganzen Heimweg Rotz und Wasser in meinen Turnbeutel geweint, weil ich von vorne herein wusste, dass ich, an allen Wartenden vorbei, als Letzte durchs Ziel laufen würde.

Am liebsten möchte ich jetzt zu der kleinen Gurke hingehen und ihm sagen: „Du musst das nicht tun, wenn Du nicht willst.“ Aber ich bin vermutlich auch die Einzige hier, die älter als 6 Jahre ist und immer noch kein Seepferdchen hat.

Und während ich dem fremden, nichtschwimmenden Angsthasen schon fast meine Hand reichen will, um ihn aus der Sportbeckenhölle zu ziehen, taucht neben ihm die Schwimmlehrerin auf.

Aber erstaunlicherweise brüllt sie gar nicht: „HÖR AUF ZU HEULEN, HECKER“ in sein Ohr, sondern sagt einfach in ganz normalem Ton: „Du brauchst keine Angst zu haben. Du schaffst das.“

Sie sagt das mit fester, schnickschnackloser Stimme, die keinen Zweifel daran zulässt, dass sie an die kleine Schissbuxe mit den Schwimmscheiben glaubt.

Und der Kleine schwimmt los.

Und geht unter.
Spuckt Wasser. Hustet und würgt.

Wird gehalten.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Du kannst das.“

Und er schwimmt weiter. Geht wieder unter.
Taucht wieder auf.

Hustet.
Und schwimmt den Rest zu Ende wie ein Großer.

Am Beckenrand angekommen, dreht er sich um und strahlt irre stolz über das ganze Gesicht. Die Schwimmlehrerin nickt ihm zu, weist meinen Sohn in die Schranken, der in irgendeinen kollektiven Blödsinn mit Tauchringen verwickelt ist, und schwimmt wieder zurück zum nächsten Kind.

Ich lasse dieses Bild noch einen Moment auf mich wirken, bevor ich meinem Mann das kurze Kind in die Hand drücke und gehe. Weil ich jetzt etwas tun muss, das ich bereits vor 30 Jahren hätte tun sollen.

Ich gehe aus dem Trainingsbereich hinaus und zum Sprungbecken.

Ich klettere die Leiter hinauf und gehe langsam den Steg bis zum Ende. Ich schließe meine Augen und denke an das kleine Mädchen, das sich immer und überall vor Angst in die Hose gemacht hat.

Und dann springe ich.

Als ich wieder auftauche, kann ich es kaum glauben.

Hecker hat endlich aufgehört zu heulen.
Hecker, die heute gar nicht mehr so heißt, ist gesprungen.

Ich klettere wieder aus dem Sprungbecken und strahle über das ganze Gesicht. Genau so wie vorhin die kleine Schissbuxe mit den Schwimmscheiben.

Tatsächlich bin ich so dermaßen gerührt und glücklich, dass ich für einen kurzen Moment befürchte, mir schießt die Milch wieder ein.

Als ich im Trainingsbereich ankomme, hüpfen die Seepferdchenanwärter gerade in der Abschlussrunde vom Beckenrand. Ich stelle mich wieder neben meinen Mann. Er schaut zu mir hinunter und fragt: „Wo warst Du?“ und ich antworte irre stolz:

„Ich hab eine Arschbombe vom 1-Meter-Brett gemacht!“

 

Für die Bundesjugendspiele.

Ich habe gehört, dass sie Euch abschaffen wollen, und erst wollte ich ihnen „Richtig so. Gebt’s dem Arschloch“ zujubeln.

Aber vielleicht sollten wir stattdessen lieber Eltern abschaffen, die sich mit der flachen Hand an die Stirn hauen, weil ihre Kinder defekte Sportskanonen sind.

Oder Eltern, die ihren Kindern bereits von klein auf vorleben, dass man für acht Treppenstufen lieber den Fahrstuhl nimmt.

Oder Eltern wie mich, die aus Angst vor der Demütigung ihres (eigenen inneren) Kindes solche Sportveranstaltungen am liebsten vom Lehrplan fegen möchten.

 

Nachtrag 09.09.2016:

Dieser Text ist unter den ersten 10 Finalisten des scoyo ELTERN! Blog Award 2016.
Bis zum 16.10.2016 könnt ihr dem Text ein Herz schenken. Das wäre total super, weil es da für mich neben Ruhm und Internetehre auch einen großen Haufen Asche auf die Bahn zu gewinnen gibt. Außerdem könnt ihr selber beim Leservoting € 150.– gewinnen.

Allen Teilnehmern viel Glück!❤

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113 Gedanken zu “Arschbombe

  1. Die Bundesjugendspiele sind ohne Zweifel fragwürdig und für manche demütigend! Ich hab in der 5. Klasse keine Urkunde, sondern vor der ganzen Klasse den beschissenen Punktezettel in die Hand gedrückt bekommen. Hat leider nicht mal für ne Scheiß-Urkunde gereicht.

    Ich hätte stattdessen gerne mal nen Wettkampf in Musik oder so gut gefunden. Lacht. Und jeder, der nicht genügend Töne beim Singen vor versammelter Schule trifft, kriegt auch nur den Punktezettel zurück.

    Denkt mal drüber nach, Ihr Sport-Nazis!

    Ganz so böse, wie es jetzt hier geschrieben steht, ist es nicht gemeint. Habe keinen Schaden davon getragen oder so. Aber ich finde es einfach überflüssig, in einen Wettkampf gezwungen zu werden. Wer will gerne..

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  2. …..hier schreibt Dein Onkel TRM; bestätige als kleinerer Bruder Deiner Mutter ihre enormen sportlichen Fähigkeiten. Wir waren mit fünf Geschwistern, die bei den Bundesjugendspielen jährlich als Gespött unserer jeweiligen Klassen antraten, Die Stimmungskanonen schlechthin.
    Dein Opa als ehemaliger Stadtmeister im Kurzstreckenlauf war völlig verzweifelt wegen der Gurkentruppe, die ihn täglich umgab. Selbst mit 55 wollte er es noch einmal wissen und mir beweisen, was ich doch sportlich für eine Niete sei. Er gab mir auf 150m einen Vorsprung von 50m und war trotzdem als erster im Ziel. Danach lag er dann 3 Tage mit Hexenschuss im Bett….aber er hatte gewonnen😉

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  3. wunderbarer Text und tolle geschichte, ich war ein sehr Bewegungsfreudiges Kind und trotzdem im Sportunterricht unterbegabt..es war die Hölle und ich bin aufjedenfall gegen die Bundesjugendspiel in der herkömmlichen Form denn Sie produzieren Außenseiter.. und ja für mich so ungefähr der schlimmste Tag des Jahres der wiederholt dazu beitrug untendruch zu sein in der Klasse und als totale Looserin dazu stehn (die Sommerspiele)

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  4. Supertext. Danke dafür 🙂 Und jetzt werd ich vermutlich rausgeworfen – denn ich bin Sportlehrerin. Aaaahhhhber halt. Bitte. Genau aus dem Grund, wie die von dir beschriebene Schwimmlehrerin. Weil ich daran glaube, dass bewegte Herausforderungen überwinden (und gerne im Team) so verdammt stolz und glücklich und gerührt macht. Synchronturnen zu dritt zum Beispiel. Geübt wird gemeinsam, auch Schwierigeres, immer mit Hilfestellung und ganz viel „Du kannst das!“ Beim Vorturnen wählt man dann aus, was man kann und wobei man sich sicher fühlt und bastelt eine kleine Choreographie daraus. Wichtig: immer mit einem Lächeln, hihi. Dabei ist es dann auch egal, ob man ein „gesellschaftlich anerkanntes Sportgurkendefizit“ hat oder Kreisligameisterin ist. Ich glaube daran, dass sich alle Kids glücklich schätzen, ihre kleinen und großen Hemmungen überwunden zu haben! Selbst meine Rollifahrerin kommt immer strahlend zum Unterricht… Und Halt, bitte nicht denken, es ginge darum, endlich Platz für Eigenlob zu finden. Nein, sondern darum, dass Sportunterricht noch so viel mehr sein kann und heutzutage sicher häufig ist, als ein mehr oder weniger großes Trauma aus der Schulzeit… Oder wünsche ich mir das nur?

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  5. Ich bin Lehrerin, aber keine Sportlehrerin. Lehrerin für Grundschulkinder; für die Rechtschreibprofis und die Leseschwachen, für die Rechenasse und die Zähler, für die Instrument Spielenden und die schief Singenden, für die Maler und die Kritzler, für die Bastler und die Unfallgefährdeten mit Schere und natürlich für die Sportlichen und die Unsportlichen. Jeder hat so seine Talente – so ist das Leben einfach. Und damit ist wohl alles gesagt! Bundesjugendspiele hin und her, gut oder schlecht – wenn ich mit meinen Kindern mitlaufe, ihnen zujubele und sie anfeuere – dann haben wir Mordspaß. Es kommt doch immer drauf an, was man draus macht und nicht darauf, wie sehr die Eltern auf ihre Kinder einbrüllen, doch endlich mal Gas zu geben und nicht so ne Lusche zu sein (hab ich leider erlebt!).
    In diesem Sinne: Lasst doch auch mal einen, der das 1×1 nicht kann oder immer nur Quark schreibt, eine Urkunde in der Hand halten und sich über sich freuen 😉

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  6. Tränen gelacht und ein bißchen vor Rührung geheult! ich unterrichte und muss mich täglich an die blöden Kommentare einiger meiner Lehrer erinnern (Dein Bruder war da aber viel besser!), um nicht in die Verrachtungsfalle zu tappen. Dann denke ich an die Kolleginnen, die mich zu Abitur und Studium begeistert haben und mache meine persönliche innere Arschbombe.
    Und bei jeder Abifeier weine ich wegen all der kleinen Sportgurken, Englischgurken, Mathegurken, die es trotzdem oder gerade deswegen geschafft haben. Da stehen sie nun und glänzen in Kleidchen und Anzügen. Schöööön……

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  7. Ich reihe mich dann mal hinter dir in die Sportgurken – Reihe ein… Du sprichst mir aus der Seele ( ein Sportunfall mit 11. während der Unterrichtszeit hat meine „Karriere“ da je beendet ) … Erst in Erwachsenenjahren habe ich mich dann freiwillig doch noch einmal dem Thema Sport zugewendet und ich hatte / habe sogar Spaß daran!… Also auf die Plätze fertig… ARSCHBOMBE !!!

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  8. Ich habe den Verdacht, dass jeder mal eine Gurke war in irgendwas. Das kann Sport, Mathe, Latein oder der wöchentliche Vokabeltest in Französisch gewesen sein. Heute bekämpfe ich mein damaliges Gurken-Dasein mit motorischen Herausforderungen. Für die Rollwende im Schwimmbecken habe ich acht (ja, wirklich: acht) Jahre gebraucht. Aber jetzt schwimme ich sie wie so ‚ ne Große an jedem Bahnende. Neuerdings übe ich manchmal Handstand. Ich kann für nix garantieren, am Ende dauert’s wieder acht Jahre, aber irgendwann kriege ich den hin. So.

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  9. Unser Schwimmlehrer saß in schlechten Sommern immer im Trainingsanzug unterm Schirm, während wir im Freibad strampelten und nicht aufhören konnten, zu frieren, egal wie sehr wir uns bewegten. Ich habe den Sportunterricht gehasst, ich habe die Bundesjugendspiele gehasst, ich fand alles daran furchtbar und demütigend. Aber ich hatte auch Lehrer, die noch kurz nach dem Krieg (…) in ihrem Job anfingen und das alles über Brüllen und Demütigen gelöst haben. Ich wäre quer durchs Meer geschwommen für jemanden, der nur einmal sagt: „Du schaffst das.“ Deswegen, mit und mit und mit, Zustimmung in allen Punkten und auch wenn er schon was älter ist ein Text zum sehr verliebt zurückbleiben. Danke, du.

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    1. Dieses „Du schaffst das“ hat mich auch echt berührt. Mir ging es in dem Moment genau wie dir. Danke für Deine lieben Zeilen. Irgendwann komme ich nach Mainz und wir gehen zusammen in die Opel Arena und essen eine Stadionwurst ❤

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