Hysterisches Kaiserschnittgejammer

Herrje Kaiserschnittmütter,

ihr konntet also eure Babys nicht mittels Regenbogenwehe im Lotussitz herauslächeln, sondern wurdet per chirurgischer Intervention entbunden?

Habt ihr wirklich keine anderen Sorgen, als hier mit euren lächelnden, gesunden Kindern im Arm auf hohem Niveau zu jammern?

Es ist ein Segen, dass Frauen heute die ganze schulmedizinische Bandbreite einer Entbindung zur Verfügung steht, und ihr benehmt euch, als würde ein Fluch auf deutschen Kreißsälen lasten.

Dieses ewige „Ich-fühl-mich-um-die-Geburt-betrogen-Mimimi“ nervt.
Der Kaiserschnitt hat euch und euren Kindern das verdammte Leben gerettet!

Also seid endlich dankbar und hört auf zu jammern, ihr First-World-Problems-Wöchnerinnen!

Euer allgemeiner Tenor

******

Hallo allgemeiner Tenor,

keine Ahnung, warum Du immer gleich annimmst, alle Befürworter der natürlichen Geburt würden automatisch die Schulmedizin ablehnen. Nicht einmal im Traum möchte ich nackt auf einer Waldlichtung mit einem Stück Leder zwischen den Zähnen ein Kind gebären.

Der Kaiserschnitt ist zweifelsohne eine der wichtigsten medizinischen Errungenschaften. Aber darf nicht auch der Herzinfarktpatient mit den invasiven Maßnahmen hadern, obwohl sie ihm das Leben gerettet haben?

Auch eine lebensrettende Intervention kann als Akt der Gewalt empfunden werden, ein Gefühl der Leere hinterlassen oder irrationale Schuld- und Versagensgefühle auslösen.

Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass neben den wirklich echten, dramatischen Notfällen der lebensrettende Kaiserschnitt in vielen Krankenhäusern wie Freibier ausgeschenkt wird.

Einen Euro für jede Schwangere, der mit Blick auf die Bundweite ihrer Jeans ein zu schmales Becken attestiert wurde (mein eigenes übrigens eingeschlossen, und trotzdem kam das zweite Kind mit Ohren zur Welt).

Wenn Du also das nächste Mal deinen Kopf über First-World-Problems-Wöchnerinnen schüttelst und mit „Hauptsache gesund“ ihren Schmerz, ihre Ängste oder die Trauer über eine anders verlaufene Geburt herabwürdigst, dann geh vorsichtshalber in Deckung.

Es könnte nämlich sein, dass sie zum Gegenschlag ausholen.
Auf deine unwissende Nase. Du Arschloch!

Deine #Kaiserschnitten

 

Für alle Mütter, denen die Angst um das eigene und das Leben ihres Kindes immer wieder aufs Bett kommt.

Für alle Frauen, die andere Mütter für einen Wunschkaiserschnitt verachten. Es geht euch einen feuchten Kehricht an, wieso und warum andere Frauen per Sectio entbunden haben.

Für meine Arbeitskollegin, die als Reaktion auf meinen Kaiserschnitt sagte: „Schon wieder eine, die ihr Kind geschenkt bekommen hat“. Ich weiß, Du hast es nicht böse gemeint, aber ich habe mir deshalb auf dem Heimweg die Augen aus dem Kopf geheult.

Für euch Hebammen, die ihr jeden Tag ermutigt, anfeuert, beruhigt, aufklärt, umsorgt und tröstet. Die ihr mittlerweile mehr Aufarbeitungs- als Geburtshilfe leisten müsst. Ich hoffe inständig, dass ihr nicht aussterben müsst.

Aber auch für alle Hebammen, die Kaiserschnittmüttern eine Nachsorge 2. Klasse zukommen lassen. Was immer euch dazu bewegen mag, lasst es sein, denn es ist schrecklich!

Und zu guter Letzt für Liz, die den Anstoß zu diesem Beitrag gegeben hat. Die das Kiddo „unter Heulen und Zähneklappern“ geboren hat, immer noch wütend auf ihre äußerlich verheilte und dennoch schmerzende Narbe ist und nun hier Eure Geschichten und Narbenbilder sammelt.

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78 Gedanken zu “Hysterisches Kaiserschnittgejammer

  1. Danke! Nach einer spontan Geburt und 2 Kaiserschnitten, kann ich sagen ein viertes Kind bringe ich nicht auf die Welt, das müsste mein Mann übernehmen.
    Alle drei Geburten waren einfach kein schönes Geburtserlebnis und trotzdem bin ich dankbar alle drei zu haben, denn nur dadurch habe ich eben unsere drei Kids.

    Stephi

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  2. So eine ignorante Kollegin! Bei mir ging es zwar natürlich, aber ich habe auf der Wochenstation ja die „Kaiserschnitten“ gesehen. Denen wurde aber echt nichts geschenkt. Vor allem, weil bei fast allen ja entweder vorher schon was schief ging oder während der Geburt anfing, schief zu gehen. Dass man das- eine potentiell oder tatsächlich lebensgefährliche Situation!- nicht eben so wegbürstet ist wohl eher die Regel als die Ausnahme. Ich hoffe, diese Kollegin hat diesen Blog gelesen und schämt sich jetzt sehr.

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  3. Jede geburt ist anders weil jeder Körper die geburt egal ob durch ks oder natürlich anders verarbeitet, wenn ich dran denke wie viele „fertige“ Mütter ich nach meinen ks auf Station gesehen habe, war ich echt froh wie gut es mir ging. Und egal ob medizinisch notwendig oder nicht oder natürlich jeder kann stolz auf das Ergebnis sein

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    1. Lustig bei mir war es umgekehrt, der wunschkaiserschnitt war die hölle und nach der darauf folgenden natürlichen geburt ohne betäubungsmittel, hätte ich vom bett hüpfen und heim tanzen können…
      Frauen, die sich viel und positiv damit auseinandergesetzt haben erleben es, denke ich auch so, wenn angst, unwissenheit und unverschämte menschen sich einmischen, kanns nur grausig werden!

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  4. Ich oute mich mal als freiwillige „Kaiserschnitte“… und möchte sagen, dass ich unendlich glücklich bin, mal ein positives Feedback im Sinne von „jeder soll so leben wie er möchte“ zu lesen. Denn auch wenn ich meine Entscheidung nie bereut habe (im Gegenteil), so würde ich heute nie wieder auch nur einen Ton darüber im Familien- und Bekanntenkreis verlieren. Ich bin glücklich mit meinem Kind, meinem Körper und meiner Entscheidung. Aber ich bin die mitleidigen bis verachtenden Blicke leid, das Getuschel über Wunschkaiserschnitte, die uninformierten Aussagen („Dann wurde dein Kind ja brutal am Kopf aus dem Schlaf gerissen“) und ja, ich hatte auch eine Nachsorgehebamme, die mich in all der Wochenbettzeit spüren ließ, dass sie meine Entscheidung nicht gut findet.
    Ich hatte das Glück selbstbestimmt gebären zu dürfen und das wünsche ich jeder Frau, egal welchen Weg sie dabei nimmt. Denn das ist das Einzige was zählt.

    Danke für diesen Beitrag! Danke für Mütter, die zwischen sich und anderen noch unterscheiden können und nicht allen ihren Weg als das Non-Plus-Ultra darstellen.

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  5. Hallo,

    ich habe lange mit mir gehadert, ob ich bei diesem Artikel ein Kommentar hinterlassen soll. Und nun habe ich gerade wieder etwas dazu gelesen: Ein werdende Mutter durfte beim Kaiserschnitt quasi mitmachen: http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/kaiserschnitt-mutter-zieht-ihr-kind-selbst-aus-dem-bauch-a-1037100.html
    Ich habe mir auch das Video dazu angesehen und fand es trotz sterilem OP, den vielen Ärzten usw. sehr rührend und habe mich sehr für die Frau gefreut.

    Ich hatte auch einen geplanten Kaiserschnitt und bin bisher niemanden begegnet, der mich deswegen komisch angeguckt hat, auch meine Hebamme war super. Vielleicht hatte ich Glück, oder ich hab es gar nicht gemerkt, weil es mir auch egal ist, was andere dazu sagen.

    Es gab medzinische Gründe für den Kaiserschnitt, die ich vor etwa 15 Jahren gesagt bekommen hatte, allerdings ist die Medizin mittlerweile so weit, dass wahrscheinlich auch eine natürliche Geburt geklappt hätte. Aber dafür war mein Kopf nach 15 Jahren „Kaiserschnitt-Ankündigung“ nicht in der Lage. Aber wie gesagt, alle Ärzte, Hebamme, Freunde, Bekannte und Kollegen haben mich machen lassen ohne irgendwelche Kommentare. Und ich hoffe, dass es den meisten Frauen auch so gehen wird. Genauso soll es aber auch denen ergehen, die unbedingt eine natürliche Geburt, wo auch immer, mit oder ohne Medikamente usw. wollen (solange es dem Kind gut geht!).

    Bei mir war ein Teilnarkose geplant, leider konnte der Arzt diese nicht setzten (4 Versuche)…ich war wohl verkrampft oder zu aufgeregt, um entspannt zu sitzen. Dann gab es ein Vollnarkose, ich wachte unter starkem Schmerzen auf und habe nicht so richtig realisiert, dass mein Mann im Bett neben mir unser Kind auf seinem Bauch unter einem Handtuch versteckt hatte…. aber: ich hatte eh keine Vorstellung davon was auf mich zu kommt, wie es verlaufen wird, ob man Schmerzen hat, wie einem die Gefühle übermannen können; kurz um: ich hatte keine Erwartungen an das Ereignis an sich, ich wollte nur ein gesundes Kind, und dass ich gesund bin.

    Ich bin froh, dass ich mein Kind habe und wünsche allen ihren Frieden mit ihrem persönlichen Geburtsereigniss.

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  6. DANKE für diesen wieder tollen Artikel. Ich hatte zwei Kaiserschnitte. Der erste wg. Beckenendlage. Der zweite Blasensprung in der 34. Woche und nach 5 Tagen einleiten immer noch keine Wehen. Ich kenne alle Kommentare nur zur Genüge… Ich hatte aber immer ganz tolle Hebammen, die alles versucht haben, mir den Kaiserschnitt zu ersparen. Wenn beim dritten eine natürliche Geburt möglich wäre, überleg ich’s mir noch mal ;-). Aber alles hadern hilft nichts…
    Danke Andrea

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  7. Liebe Andrea,

    danke für diesen tollen Text. Auch ich habe noch ein wenig am Notkaiserschnitt, durch den meine Tochter aufgrund plötzlich aussetzender Herztöne vor 4 Monaten auf die Welt gekommen ist, zu knabbern. Solche Erfahrungen anderer (wie z. B. auch Liz’s Texte auf kiddothekid) helfen mir, das Ganze zu verarbeiten und mich auch selbst zu reflektieren – denn auch ich war bei Themen wie „Kaiserschnitt“ und „Stillen“ gern schnell darin, andere zu verurteilen.
    Mein Umfeld hat mich nach der Sectio zum Glück super aufgefangen, Verständnis und Mitleid von allen Seiten 🙂 , keine doofen Sprüche. Ich hatte mehr mit mir selbst und meiner Erwartungshaltung an die Geburt und die Tage danach zu kämpfen, mit der Angst um meine Tochter und mein Leben. Besonders hat mir zu schaffen gemacht, dass ich aufgrund der Schmerzen und der eingeschränkten Mobilität nicht so für mein Kind da sein konnte, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich habe mich jedes Mal wie die letzte Rabenmutter gefühlt, wenn ich meine Tochter stundenweise den Schwestern geben musste, weil ich sie alleine nicht aus ihrem Bettchen heben konnte. Ich denke, so etwas sind oft auch Probleme, mit denen wir Kaiserschnitten in den ersten Tagen zu kämpfen haben. Aber all das kann eine Mutter ja auch nach einer schwierigen spontanen Geburt treffen.
    Wenn ich heute meine immer noch schmerzende Narbe sehe, erinnert sie mich zwar jedes Mal an das wahrscheinlich furchteinflößenste Ereignis der letzten 31 Jahre, aber gleichzeitig auch an das größte Wunder und den schönsten Moment meines Lebens und ich bin dankbar, dass es uns beiden heute so gut geht.

    Liebe Grüße
    Jasmin

    P.S.: Verdammt, was stimmt den bloß mit Deiner Kollegin nicht? Wie kann man nur so dumm, taktlos und ignorant sein?

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  8. Das Grausamste am Kaiserschnitt sind für mich andere Mütter,die meinen, darüber urteilen zu müssen (natürlich immer negativ) und meist nicht mal die Geschichte dazu kennen.
    Mein „Lieblingskommentar“: „tjaaaaaaa,die Natur hat das ja anders eingerichtet und sich schon was dabei gedacht!“
    Ich bin zwar nicht froh,dass mein Bauch bereits 4x aufgeschnitten wurde (3x war es eine andere OP und kein KS),aber ich bin froh und dankbar,dass es meinen Zwillingen und mir gut geht!

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  9. Danke.
    Viele tun so, als wäre der Kaiserschnitt eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Der Kaiserschnitt ist viele hundert Jahre alt. Was neu ist: Dass die Mutter überlebt. Dass es Narkose gibt.
    Es gibt so unendlich viele Arten, zu gebären, mit Kindern zu leben und Familie zu gestalten – wir sollten aufhören, das Ganze in „gut“ und „böse“ aufzuteilen, diese Werterei hilft gar nix.

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  10. Hehe, was für eine super Ansage, du Löwenmama! Gefällt mir echt gut.
    Klar, ich hätte auch gern eine Komplikationslose Spontangeburt erlebt anstatt den Scheiß-KS mit anpassungsgestörtem Kind auf Intensiv. Hormon-High anstatt völligem Down.
    Aber war halt nicht. Ist nichts mehr dran zu ändern. Ob es noch was zu ändern gibt an meinen Erinnerungen, das beschäftigt mich zur Zeit. Hat jemand von euch Kaiserschnitten, die ihr den KS als traumatisch erlebt habt, das irgendwie aufgearbeitet bekommen? Wenn ja, wie? Infos sind sehr willkommen!

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