Die Liebenden des Nachtlichts

„Bart, weißt du warum deine Mutter und ich in einem Bett schlafen?“
„Weil wir arm sind?“
„Haargenau.“

In vielen Beziehungen hat das praktische Ausüben der Sexualität mit Ankunft der Kinder vorerst ein Ende.

Während die meisten Frauen ihre ersten Rundungen nach einem positiven Schwangerschaftstest noch in vorfreudiger Erregung willkommen heißen, fühlen sie sich gegen Ende der Schwangerschaft ungefähr so aphrodisierend wie einen Haufen Bügelwäsche.

Dabei wird gerade in Zeiten von Schwangerschaft und Geburt der Körperlichkeit eine erhöhte Aufmerksamkeit zuteil. Allerdings ist diese oft eher von Zweckmäßigkeit geprägt.

Waren wir während unseres Geburtsvorbereitungskurses in Gegenwart des Partners noch peinlich berührt, als die Hebamme einen beunruhigenden Monolog über das mögliche Defäkieren unter Presswehen hielt, verlieren die meisten Frauen unter dem nackten Wahnsinn der Geburt ihr antrainiertes Schamgefühl und würden irgendwann, solange es den Geburtsvorgang beschleunigt, den Einlauf auch vom Hütchenspieler aus der Einkaufspassage durchführen lassen.

Doch leider hat der pragmatische Schamverlust, mit dem uns Mutter Natur unter der Geburt oder zur Stillzeit ausstattet, meist wenig mit der persönlichen Körpergelassenheit im Alltag zu tun.

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass den meisten Müttern unter der Entbindung ein bisschen mehr als nur der Geduldsfaden gerissen ist, fällt der Wiedereinstieg ins gemeinsame Bett oft mehr als holprig aus (zumal sich gerade Mütter nach endlosen Dauerkuschelphasen mit dem Nachwuchs durchaus nach Momenten sehnen, in denen sich mal kein Familienmitglied auf sie legt).

Aber was geschieht, wenn, nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, die gelebte Liebe nicht mehr so recht in Schwung kommen will?
Wenn man sich die Kleider nur noch vom Leib reißt, weil sie vollgekotzt sind?
Oder sich ein “Wish you where here” immer häufiger in ein “Wish you were beer” verwandelt?

Oft steht aufgrund eines chronisch übermüdeten und unterzuckerten Alltags gerade zu Beginn die Erholung an erster Stelle. Aber spätestens wenn der erste Zahn durchbricht, sollte man sich klar machen, dass gemeinsames Elternsein allein keine ausreichende Basis für eine dauerhaft glückliche Beziehung darstellt.

Eltern ohne partnerschaftlichen Kontext liegen nicht gemeinsam im Bett, sondern im Wachkoma. Aber woher die Zeit und Energie für liebeserhaltende Maßnahmen nehmen?

Keine Frage: Es ist eine Herausforderung als Eltern, Liebe und Intimität im Alltag nicht verkommen zu lassen. Und natürlich kann man die partnerschaftliche Sexualität nicht als einzigen Gradmesser für Nähe und Vertrautheit heranziehen. Und doch ist der regelmäßige Körperkontakt eine wichtige Vorraussetzung für vertrauensvolles Paarbonding.

Dabei bedarf es im Grunde keinerlei rosengeschwängerter Gesten von teuren Abendessen und 4-Sterne-Hotelzimmern, weil diese Art von zeitraubendem Firlefanzsex meistens eh nur etwas für Eltern ist, deren Kinder bereits Auto fahren können.

Aber abends gemeinsam die Küche aufzuräumen und unter dem zu beseitigenden Chaos eine Flasche Rotwein und einen Tisch mit zwei Stühlen zu finden, ist da schon ein wesentlich realistischeres Szenario. Die Gelegenheiten liegen oft völlig unspektakulär zu unseren Füßen. Legen wir uns einfach dazu.

Richten wir unseren Fokus lieber auf regelmäßiges Miteinander statt auf ausgeleierte Körperteile und beherzigen einfach die folgenden 3 Weisheiten:

  • Das Bindungshormon Oxytocin wird nicht nur beim Riechen an Babyköpfen, sondern auch beim Küssen ausgeschüttet
  • Da wir weder gefilmt noch bezahlt werden, können wir dabei ruhig doof aussehen
  • Falls romantische Hintergrundmusik benötigt wird, sollte die Wahl statt auf eine Kuschelrock-CD immer auf das Instrumentalalbum “The In Sound from the Way out” der Beastie Boys fallen (denn kein Mensch auf Erden sollte den Beischlaf unter Bonnie Tyler vollziehen müssen… abgesehen vielleicht von Bonnie Tylers Mann)
  • und abschließend die folgende Bonusweisheit des dreifachen Vaters Homer Simpson: “Wenn die Pfannkuchen auch nur halb so gut schmecken wie sie aussehen, dann sehen sie doppelt so gut aus wie sie schmecken.”

 

Für den Rennradler, der so schöne Kinder macht.

(Und ebenfalls Danke an das Paar, das mir für mein Titelbild seine erschöpften und grippegeschwächten Füße zur Verfügung gestellt hat.)

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16 Gedanken zu “Die Liebenden des Nachtlichts

  1. Szenen einer Ehe: „Denk nicht mal dran…. solange mein Baby mir gefühlt dauerhaft an den Nippeln zutzelt…“ Aber meiner ist auch bärtig und macht schöne Kinder – und er ist äußerst geduldig. 😉

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  2. Mal wieder ein toller Artikel. Wobei ich anmerken muss, dass sogar die Anfangszeit mit Kind bei mir noch mehr eheliche Körperlichkeit hatte als die Zeit nun, in der die Kinder acht und zehn sind. Denn mal ehrlich: Die Große hat die inzwischen regelmäßige, unangenehme Angewohnheit, abends um zehn oder halb elf noch ein fröhliches „Mama, ich kann nicht einschlafen!“ erklingen zu lassen, gerne gefolgt von dem Wunsch nach einem neuerlichen (einhundertsten) Gute-Nacht-Kuss. Wir berufstätigen Eltern haben dagegen schon um halb zehn Uhr Schwierigkeiten, die Augen aufzuhalten. Und auch wenn ich ihr zum tausendsten Male erkläre, dass ich abends auch mal „frei“ haben will und eine geschlossene Tür respektiert werden muss, so stört mich das Wissen, dass jeden Moment eine Störung erfolgen könnte. Denn wenn dann die Große zu schlafen scheint, bekommt garantiert der Kleene Durst und ruft nach Hilfe, weil die Wasserflasche nicht aufgeht… Als sie klein waren, schliefen die Kinder zumindest früher ein!

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  3. Ach, war das schön zu lesen… Ich habe zu diesem Thema bereits „Eine erotische Kurzgeschichte“ verfasst, für eine long version gab es bislang keinerlei Anlass 😀 PS: Ich frage mich ernsthaft, wie dritte und vierte Kinder entstehen… Voip ❤

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  4. Tip 2 mit dem Beastie Bosy Album ist ein definitives YAP. Ist ja eigentlich ein nicht so bekanntes Stück Musik. Das ist ja dann jetzt auch vorbei, da die Downloadrate nach diesem Beitrag natürlich stark ähm anschwellen wird. Gut so! Richtig gute Mucke.

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  5. Hallo! Ein toller Text, aus dem ich gerne für einen Artikel für ein großes Printmagazin zitieren möchte. Ich freue mich über eine Kontaktaufnahme, um alles weitere abzusprechen. Lieben Dank!

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