Emotionale Inkontinenz unter Müttern

Oder: Wie viele Tränen passen in einen Kanal

Als informierte Mütter wissen wir nicht erst seit unserem letzten Stiftung Warentestschreck, dass wir Weichmacher meiden sollen. Wer allerdings glaubt, mit dem Verzicht auf phalathaltiges Spielzeug bereits auf der sicheren Seite zu stehen, hat die Rechnung ohne die Kinder gemacht.

Kinder weichen nämlich nicht nur das Gewebe, sondern vor allem auch die Psyche auf, und selbst alltägliche Dinge verwandeln sich unter dem Einfluss der Elternschaft in emotionale Landminen.

Das geht bereits in der Schwangerschaft los. Nach erfolgreicher Einnistung wird das Glück eines positiven Schwangerschaftstests mit der selben Intensität beweint wie das mitternächtliche Auffinden eines leeren Nutellaglases und sobald Jens Riewa von seinen Zetteln in der Tagesschau irgendwas mit Kindern abliest, müssen wir umschalten.

Ich habe nach der Geburt zwei Liter Tränen über die ersten Seiten von Henning Mankells „Kennedys Gehirn“ in mein Badewasser geweint, weil zu Beginn der Geschichte eine Mutter ihren toten Sohn findet.

Das mag verständlich sein, aber ich habe auch schon zwei Liter Tränen wegen eines Werbespots vergossen, weil zwei Menschen bei strömenden Regen eine Packung Schokoladenriegel austauschen.

Denn wo uns der postpartal schlecht gelaunte Beckenboden seine Beschränktheit lediglich nach einem Niesen aufzeigt, kennt unsere emotionale Inkontinenz nahezu keinerlei (rationale) Grenzen.

Die Vorstellung, dass das schlafende Baby in unseren Armen irgendwann auszieht oder der Zweiwortsatz „Mama-lieb“ aktivieren unsere neu gewonnene Heulsusigkeit genauso zuverlässig wie der erste gemalte „Kopffüßler“ oder das hart erkämpfte Seepferdchenabzeichen.

Eben noch entspannte Autobahnfahrten enden nach dem versehentlichen Anhören des vom Gefühlsduselbarden Reinhard Mey besungenen „Apfelbäumchens“ bereits nach der ersten Strophe auf dem Pannenstreifen, weil man vor lauter Wimperntuscheschmierfilm keine Verkehrsschilder mehr erkennen kann.

Mit der Elternschaft betreten wir sensibles Neuland, und unser Herz wird zur Achillesferse. Eine Verwundbarkeit bemächtigt sich unser, die es so vorher nicht gegeben hat.

Brauchen wir jetzt jemanden der uns ohrfeigt, wenn wir beim Gedanken an die Hochzeit unseres Säuglings Rotzblasen an der Wickelkommode heulen? Eine Zimperlieschenzensur für die ersten 10 Minuten sämtlicher Disneyklassiker? Oder lieber ein Heulsusenbootcamp auf Langeoog?

Nix da!

Emotionale Inkontinez unter Müttern ist sicherlich anstrengend, aber zeugt letzten Endes von einer unfassbaren Hysterie wunderbaren Empathiebereitschaft, die wir auf keinen Fall wegrationalisieren sollten.

Tragen wir unser mütterliches Alice-Cooper-Make-Up lieber mit Würde, statt uns an allen Ecken dafür zu entschuldigen, dass der gebastelte Muttertagstesafilmquatschklumpen uns zu Tränen rührt.

Die neugeborene Sensibilität darf bleiben, solange sie kein lähmender Begleiter im Alltag wird.

Und derweil trösten wir uns mit der zuverlässigen Tatsache, dass sich überall auf der Welt an dem Tag, an dem sich große Kindergartenkinder in kleine Schulkinder verwandeln, die Augenringe aller Mütter kollektiv mit Tränen füllen.

Sophie Scholl hatte nämlich Recht: „Solange wir einen harten Geist haben, darf unser Herz weich sein.“

Butterweich.

Für den schmucken Serienvater Charles Ingalls aus der 80er Prärieschmonzette „Unsere kleine Farm“. Ganz gleich, ob die kleine Mary nun nach einer Scharlachinfektion ihr Augenlicht verliert oder die entsetzliche Mrs. Oleson in der Vorweihnachtszeit die Kartoffelpreise senkt:

Der Mann hat die emotionale Inkontinenz einer Wöchnerinnenstation.

Charles_Ingalls Emotionale Inkontinenz Foto: Andrea Litzenburger

 

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28 Gedanken zu “Emotionale Inkontinenz unter Müttern

  1. Wie immer den Nagel auf den Kopf getroffen, liebe Andrea! Bei uns steht gerade heute das allererste Konzert der 5-Jährigen mit ihrem Instrument an – ich werde wohl komplett auf Wimperntusche verzichten, vorsichtshalber. Wird lustig, weil ich selber die Dirigentin bin aber emotional inkontinent sowieso und dann noch hochschwanger… Die denkbar ungünstigste Kombination für dieses Ereignis 😉 schönen 2.Advent!

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  2. Ich dachte bis gerade, dass ich die einzige bin, deren „Schleusentore“ sich bei den unmöglichsten Dingen öffnen und einen als „Heulsuse“ dastehen lassen. Aber eine Werbung für Hautcreme ist ja auch wirklich aufwühlend… 🙂 Und ausserdem sind die Hormome, die das auslösen ,noch viel schlimmere Tiere als Kalorien ….und die sind schon schlimm.😂 In diesem Sinne, einen rührseligen, schönen 2. Advent.

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  3. Geht mir auch so. Krimis gehen gar nicht mehr, obwohl ich mal Riesenthrillerfan war. Wenn der Tatort etwas mit Kindern zu tun hat, schalte ich um auf Rosamunde Pilcher oder Ähnliches. Und wenn ich Geburtsanzeigen lese, werde ich ganz rührseelig, weil der Kleine schon ein Jahr alt ist…

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  4. Liebe Andrea, ich bin noch nicht lange Leserin deines Blogs und ich freue mich immer sehr über deine Beiträge! Und gestern Abend habe ich an dich gedacht – als ich am Bett meines Sohnes sass und ein paar Tränchen verdrückte. Warum? Na, weil die Kinder jetzt so gross sind, dass sie in getrennten Zimmern schlafen! Da muss man einfach heulen, oder? lg und danke für deinen Blog, Mirjam

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  5. Großartig geschrieben – habe mich sofort wieder erkannt. Musste heute früh nämlich heulen wie ein Schlosshund, als ich die Edeka-Jingle-Bells-Werbung gesehen habe …. gibt’s das?! G*G*

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  6. Habt ihr den Film „die Wolke“ gesehen? Mein Mann meinte in meiner zweiten Schwangerschaft, dass sei ein hoch ausgezeichneter Film, der in sehr vielen Schulen (schon in der 6en klasse) gezeigt wird. Ich habe als das Fahrad auf die Hauptstraße rollte so eine emotionale kriese bekommen, dass ich mich 10 Minuten laut schluchzend auf dem Boden gekrümmt habe. Ich würde das gerne etwas humorvoll übertreiben, aber ich kann mir keine steigerung des tatsächlichen anblicks vorstellen. Nach wenigen Wochen hatte ich das Trauma aber bereits überwunden und konnte mich auf die Geburt konzentieren.

    Liebe Andrea danke für diesen mal wieder tollen Beitrag

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  7. Liebe Andrea, ich weine vor Lachen, danke dir für diesen Eintrag. Jetzt gehe ich mir erstmal die Pandabäraugen abschminken. Das Schlimmste, was mir in meiner Schwangerschaft passiert ist: Tränen der Rührung beim Reitfest in der Nachbarschaft, als die 6-jährigen Reiterinnen zu „my heart will go on“ ihre Voltigier-Vorführung gaben. Und ich mag eigentlich keine Pferde. Danach habe ich vor Scham meinen Kopf in einen Ballen Stroh gesteckt. Alles Liebe, Laura

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  8. HAH! Auch Männer sind nicht sicher: Meiner hat beim Abendessen mit verklärtem Blick das Kleinkind angeschaut und sich anschließend heimlich ein Tränchen aus dem Augenwinkel gewischt. Quasi grundlos. 🙂

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  9. Spätestens beim Apfelbäumchen fühlte ich mich ertappt. Und obwohl das Kind schon zwei ist, musste ich neulich den Film „the broken circle“ für volle 20 Minuten unterbrechen, weil ich laut schluchzend zusammengebrochen bin. Gut, dass ich nicht alleine die Heulsuse bin.

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