Suchtprävention bei Kindern mittels Blechkuchen

Oder: Alkohol ist kein Dressing für deinen Kopfsalat

Ich hab mal für einen kurzen, irrational-stolzen (und peinlich berührten) Moment geglaubt, mein nicht ganz 3-jähriges Kind könne heimlich lesen, als wir im Getränkemarkt standen und er auf eine Kiste Bier zeigte und rief: „Guck mal, Mama. Krombacher!“

Des Rätsels Lösung war recht simpel und sprang mir an einem Samstagabend ins Gesicht. Die ARD Sportschau wird von Krombacher präsentiert.

Das hat mich zwei Dinge gelehrt:

1. Kinder bekommen wirklich alles mit und

2. es geht doch nichts über die frühkindliche Verknüpfung von Fußball und Alkohol.

Aus meiner Kinderzeit kenne ich noch die Anti-Drogenkampagnen, mit denen unsere Bushaltestellenhäuschen zugepflastert wurden. Von Plakaten mit kickenden Jungs (denn offensichtlich war es Mädchen zu dieser Zeit aus irgendwelchen wissenschaftlich-medizinischen Gründen nicht möglich, Fußball zu spielen), die ihre Nasen lieber in den SG Irgendwas e.V. stecken sollten, statt an der Theke in ein Bierglas.

Da hatte Otto Schily Recht, als er der beknackten wie wirkungslosen „Keine Macht den Drogen“ Kampagne den Geldhahn zudrehte, denn wer (zumindest in meiner Jugend) ein paar Sportler kannte, wusste, dass nirgendwo so sportlich gekippt wurde wie in Sportvereinen.

Also habe ich eine neue, ganz persönliche „Keine Macht den Drogen“- Kampagne für meine Kinder entwickelt. Ich habe den Bundesligakuchen eingeführt.

Jeden Samstag Vormittag backe ich einen Kuchen. Dieser wird dann, mitterweile dank unseres „tollen“ Sky-Fußballpakets, pünktlich um 15.30 Uhr angeschnitten. (Wer an dieser Stelle wissen möchte, warum das „tolle“ in Anführungszeichen steht, kann das gerne hier nachlesen).

Genau. Ich konditioniere meine Kinder im Zusammenhang mit Fußball auf Kuchen. Das ist schon ein fragwürdiges Unterfangen, das gebe ich gerne zu. Schließlich habe ich auch Carlos Gonzales‘ „Mein Kind will nicht essen: Ein Löffelchen für Mama“ verschlungen. Aber nachdem ich im Alltag grundsätzlich in 94% der Fälle auf Belohnung oder Bestechung mittels Süßigkeiten verzichte, sei mir diese Ausnahme erlaubt.

Somit praktiziere ich seit gut einem Jahr meine ganz eigene Form des neuro-linguistischen, pardon, neuro-gustatorischen Programmierens.

Und es wirkt. Seitdem ich unsere familiäre Fußballprohibition ausgerufen habe und den Bundesligakuchen serviere, hat keines meiner Kinder je wieder eine Flasche Bier identifiziert.

Stellen wir an dieser Stelle, statt mein Konzept in Frage, uns einmal eine futuristische Fußballkneipe vor, wo die Zapfhähne durch Muffin-Etageren ersetzt werden. Pöbelnde Hooligans, die sich in öffentlichen Verkehrsmitteln nur noch mit abgebrochenen Cake-Pops drohen. Oder Fußballfans, die mit nichts als Sieg trunken aus dem Stadion strömen und „Kuchen her, Kuchen her, oder ich fall um!“ singen.

Ich habe einen Traum: Wir schreiben das Jahr 2028. Meine Kinder stehen mit ihren Freunden in der „Thomas Schaaf Arena“ und Werder Bremen hat soeben (schon wieder) die Champions League gewonnen. Und während die Kinder anderer Eltern besoffen ihre Bierbecher schwingen, holen meine Jungs aus ihrem Rucksack ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Und sehen dabei total cool aus.

Ich weiß, ich weiß…utopischer Unfug…

Werder Bremen wird vermutlich 2028 immer noch runterbeten: „Wir sind die, die auch jubeln wenn grad nichts geht.“ Aber so sind Eltern, wenn ihr persönliches Panikmanagement bezüglich des Wohlergehens ihrer Kinder (oder ihres Vereins) mit ihnen durchgeht.

Ich mache mir keine Illusionen.

Irgendwann kommt der Tag, an dem ich auf dem Badewannenrand sitze, während meine Kinder morgens um 4 Uhr kopfüber in der Toilette hängen. Aber solange ich ihnen dabei die Haare aus dem Gesicht halte und den Rücken stärke, darf ich darauf hoffen, dass es nicht zu einer lebenslangen Gewohnheit wird.

Bis dahin vertraue ich auf meinen albernen kleinen Bundesligakuchen (der im Übrigen nur dann wirklich versagt hat, wenn meine Kinder anfangen, besondere Kekse mit ins Stadion zu nehmen).

PS.: Sollten wir ab Februar unsere Sky-Kündigung nicht widerrufen haben (denn es ist doch eigentlich sehr nett, dass Sky uns seit der Kündigung 5 x täglich einen drolligen Klingelstreich mit einer automatischen Bandansage spielt, die um dringenden Rückruf bittet), wird es den Bundesligakuchen auch zum Abendessen während der Sportschau geben.

Richtig.

Kuchen zum Abendessen.

An dieser Stelle dürfen endlich alle Eltern, denen es schon seit der ersten Zeile in ihrem Kristallzucker-ist-ein-Nervengift-Finger juckt, gerne die Pechfackeln entzünden und ihre Mistgabeln schultern.

Wenn ihr Euch beeilt, bekommt ihr noch ein Stück…

Für den wunderbaren Thomas Schaaf,
aber nicht seinen neuen, doofen Verein.

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7 Gedanken zu “Suchtprävention bei Kindern mittels Blechkuchen

  1. Leserbrief zum SVW, Kurier am Sonntag vom 12.10.2014, S. 15: „Trost aus dem Gesangbuch –
    „Du kannst niemals tiefer fallen als nur in Gottes Hand.“ (Arno Pötzsch – Glaube, Liebe, Hoffnung – Evangelisches Gesangbuch, Lied 533) DIETER PÜNJER, WILHELMSHAVEN“

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  2. Mit Kuchen sozialisiert zu werden, kann ich nicht schlimm finden. Der Mann und ich wurden seit früher Kindheit mit Kuchen aller Sorten in Schach gehalten. Das verbindet uns sehr. Beim Mann ist es noch ein bisschen schlimmer als bei mir – der betrachtet ein Stück Linzertorte als vollwertiges Frühstück (O-Ton: „Die ist doch quasi wie Brot.“). Diabetisch sind wir übrigens nicht, sogar normalgewichtig, leidlich gesund und sonst auch eher so Durchschnitt.

    Unsere Tochter ist noch zu klein für Kuchen und wird dafür sehr von uns bedauert. Und einen Samstagabendkuchen serviert zu bekommen, ist ja wohl eine sensationell gute Sache.

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  3. Ich möchte bitte auch in dieser Zukunft leben!

    Muffin-Etageren in der Sportkneipe – ich wäre sofort dabei. Ohne Kompromisse.

    Danke für den Text – hab herzlich gelacht.

    (wir gucken kein Fußball – von daher kann ich es nicht 1:1 adaptieren und muss einen anderen Grund erfinden. nun denn.)

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  4. Da stimme sogar ich als Köln Fan deinen „letzten Worten“ zu:

    Für den wunderbaren Thomas Schaaf,
    aber nicht seinen neuen, doofen Verein.

    Eine der dümmsten Entscheidungen aller Zeiten von allen Beteiligten, das Thomas Schaaf nicht bei Bremen geblieben ist. Amsonsten wie immer gute geschrieben und gut unterhalten auf mittlerem Niveau 😉

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